Kinoblindgängerin

Wenn man einen Film hört...

Wenn man einen Film hört...
14.03.17 / Produktion
Barbara Fickert ist blind. Trotzdem ist sie regelmäßig im Kino anzutreffen, um die neuesten Streifen zu erleben. In diesem Interview erzählt sie von ihrem Blog, ihrem Engagement und ihrer Liebe zum Film.
Barbara Fickert liebt Filme. Und wie jeder Cineast geht sie gerne ins Kino. Um die Filme jedoch sehen zu können, ist ihr Smartphone ein unverzichtbarer Begleiter. Denn Barbara Fickert ist blind. Über die App „GRETA“ hört sie das, was sie nicht sehen kann. Sie kann sich dort für viele Filme vorab die Hörfilmfassung herunterladen und automatisch synchron zum Film abspielen lassen. Durch diese Form von Barrierefreiheit kam Barbara auf die Idee, in ihrem eigenen Blog namens „Blindgängerin“ von ihren Kinoerlebnisse zu berichten und ihre Erfahrungen zu teilen. Im letzten Jahr hat sie zusätzlich die „Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH“ gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, eben diese besondere Form von Barrierefreiheit zu fördern: Die Erstellung von Audiodeskriptionen für Filme, für die sonst niemand eine Hörfilmfassung produzieren würde.



Barbara, Du bist blind, gehst aber gerne ins Kino. Für einige mag das zunächst einmal verwunderlich klingen…

Im Alter von zehn Jahren bekam unsere Familie einen Fernseher. Ich habe zwar nicht viel erkennen können, da ich nur noch einen kleinen Sehrest hatte, liebte es aber trotzdem, zusammen mit meiner Familie in die Röhre zu schauen. Ungefähr im selben Alter ging ich auch das erste Mal ins Kino. Ich begeisterte mich sofort für das helle, grelle Licht der Leinwand und die besondere Akustik im dunklen Kinosaal. Und genau diese Begeisterung hat bis heute angehalten!


Kannst Du uns ganz kurz erzählen, welche Möglichkeiten es für Blinde gibt, Hörfilmfassungen im Kino zu erleben?

Blinde Menschen haben im Grunde genommen zwei Möglichkeiten, um in den Kinogenuss zu kommen. Zum einen gibt es mit einer speziellen Technik ausgerüstete Kinosäle, die Audiodeskriptionen und Untertitel anbieten. Davon gibt es bisher aber leider viel zu wenige. Zum anderen gibt es die für jeden zugänglichen App „GRETA“. Diese kann man sich ganz einfach zu Hause auf sein Smartphone herunterladen. Dann sucht man sich einen Film aus der Datenbank aus und geht in ein Kino seiner Wahl.


Du schreibst in Deinem Blog auch über die Filme, die Du im Dir im Kino anschaust...

Eines Tages bin ich – wie so oft – mit einem Taxi ins Kino gefahren. Nach einer Weile fragte mich der Fahrer, ob ich das Blind-Sein nur spiele. Ich fragte ihn daraufhin ganz verdutzt, wie er darauf kommt. Seine Antwort war: „Manche Leute haben ja so einen 'Tick'“. Es lag einfach nicht in seiner Vorstellungskraft, dass auch Menschen, die nicht sehen können, ins Kino gehen. Seit diesem prägenden Erlebnis engagiere ich mich für die Aufklärung in der sehenden Welt und dafür, dass auch blinde Menschen Spaß im Kino haben können.
Im Juli 2014 durfte ich einen Erlebnisreport über die Nutzung von GRETA für das Magazin „Sichtweisen“ (damals noch „Gegenwart'“) schreiben. Das habe ich natürlich sehr gerne gemacht – und so ist dann auch mein erster Artikel zum Film „Monsieur Claude und seine Töchter“ entstanden. Das schreiben über den Film hat mir so unfassbar viel Spaß gemacht und fiel mir leichter als gedacht, sodass eine Freundin dann zu mir meinte, ich solle doch einfach damit weiter machen!
Und so fing ich dann im Januar 2015 an in meinem Blog regelmäßig von meinen Kinobesuchen zu berichten. Und es macht mit auch heute noch genau so viel Spaß


Seit einiger Zeit bist Du bei Hörfilmproduktionen von speaker-search als Regisseurin tätig. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Einer meiner großen Wünsche war es, Hörfilm-Beschreiberin zu werden. Dafür hab ich mich auch wirklich viel beworben. Ich bekam aber leider von fast allen Audioskriptoren immer nur Absagen, oder wage Versprechungen. Dabei wollte ich ja eigentlich nur mal „Mäuschen spielen“ .
Im August 2015 hat Seneit Debese diese Misere mitbekommen und mir empfohlen, mal bei speaker-search anzurufen, das seien ganz lustige Leute. Das ließ ich mir natürlich nicht zwei Mal sagen und so rief ich dort an und hatte auch direkt Jörn am Apparat. Er war offen und begeistert von meiner Idee, mich bei einer Aufnahme dazu zu setzen und meinte, dass er sich meldet. Ich hatte das erste mal das Gefühl, dass es dieses mal klappen könnte und er es ernst meinte.

Ich werde es nie vergessen: Ich saß gerade auf der Couch bei meinen Freunden, wir warteten auf das Essen, das noch im Ofen schmorte, als auf einmal mein Handy klingelte. Sören war dran! Er fragte mich, ob ich Lust hätte, bei der Aufnahme für die Hörfilmfassung  von „Ein Vampir auf der Couch“ mit Thomas Arnold dabei zu sein. Da habe ich natürlich sofort zugesagt! Zu dieser Zeit war auch gerade mein Blog am entstehen.

Ich bin einfach heilfroh, mit dem Team von speaker-search einen so kompetenten und vertrauenswürdigen Partner für die Abwicklung und Produktion der Audiodeskriptionen und Untertiteln für „Kinoblindgänger“ an meiner Seite  zu haben! Die haben immer ein Ohr für meine vielen technischen Fragen.


Was genau sind Deine Aufgaben als Regisseurin?

Meine Aufgabe ist es, mich genau auf die Sprechstimme zu konzentrieren und dabei auf zwei Dinge zu achten: Zum einen auf eine verständliche und korrekte Aussprache und zum anderen auf die inhaltliche Verständlichkeit. Sobald mir etwas unklar ist, frage ich nach. Früher war ich dabei eher noch zurückhaltend, aber mittlerweile bin ich gnadenlos am Verbessern! So wird sichergestellt, dass die Audiodeskriptionen von blinden Menschen wie mir auch wirklich verstanden werden. Es ist sozusagen der finale Check vor der Fertigstellung und da sollte eben alles perfekt sein.


Seit April 2016 gibt es die „Kinoblindgänger gemeinnützige GmbH“. Was genau steckt dahinter und wie kann man euch unterstützen?

Durch das Bloggen gehe ich noch viel öfter ins Kino als früher. Ich musste dadurch aber auch leider feststellen, dass viele internationale Filme noch nicht barrierefrei angeboten werden. So kam mir die Idee, selbst tätig zu werden. Ich gründete also meine eigene GmbH. Bei einer Hörfilm-Produktion kommen schnell mehrere Tausend Euro an Kosten zusammen. Viele Verleiher können diese Kosten oftmals nicht tragen. Deshalb setze ich mich mit meinem Projekt mit Hilfe von Spenden und Sponsoren für mehr deutschsprachige Hörfilmfassungen und Untertitel ein.

Wer uns dabei unterstützen möchte, möglichst viele Filme barrierefrei zu machen, kann das übrigens gerne über die Spendenplatform „betterplace“ tun.


Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was würdest Du Dir für die Zukunft des barrierefreien Films wünschen?

Ich möchte einfach ins Kino gehen können wie jeder andere auch! Bis dahin gibt's noch viel zu tun! Jetzt bin ich aber erst mal auf die Verleihung des Deutschen Hörfilmpreises gespannt und drücke speaker-search für ihre Nominierung für den Hörfilm mit „24 Wochen“ alle Daumen!

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