Es gibt eine Frage, die wir mindestens einmal im Monat gestellt bekommen: „Mit welchem Mikrofon nehmt Ihr auf?"
Die ehrliche Antwort lautet: Kommt darauf an. Und das ist keine Ausflucht, sondern der ganze Punkt.
Bevor es um Modelle geht, eine Einordnung, die in Technikartikeln gern untergeht: Von allem, was den Klang einer Sprachaufnahme ausmacht, ist das Mikrofon nicht der wichtigste Faktor.
Zuerst kommt die Stimme. Dann der Raum. Dann der Abstand zum Mikrofon und wie jemand ihn beim Sprechen hält. Erst danach beginnt die Technik mitzureden.
Ein Spitzenmikrofon in einem halligen Zimmer klingt schlechter als ein solides Mikrofon in einer richtig gebauten Kabine. Wer das umdreht, kauft sich Enttäuschungen. Deshalb steckt bei uns der größere Teil des Aufwands in den Räumen und nicht im Regal.
Was aber stimmt: Wenn Stimme, Raum und Abstand sitzen, entscheidet die Kette über die letzten zehn Prozent. Und in unserem Geschäft leben wir von diesen zehn Prozent.
Unser Standardmikrofon ist das Neumann TLM 170 R. Es arbeitet transformatorlos mit der K-89-Doppelmembrankapsel und bietet fünf Richtcharakteristiken — von der Kugel bis zur Acht. Interessant ist daran weniger die Auswahl als die Eigenschaft, die sie ermöglicht: Der Frequenzgang bleibt in allen fünf Charakteristiken linear, auch außerhalb der Aufnahmeachse. Das Mikrofon bildet ab, was da ist, ohne selbst mitzureden.
Dazu kommt eine Eigenschaft, die im Alltag mehr wert ist als jedes Klangversprechen: Vorhersagbarkeit. Ob jemand leise erzählt oder mit Nachdruck spricht, das Klangbild bleibt praktisch gleich. Bei 14 dB-A Eigenrauschen und einem Grenzschalldruckpegel von bis zu 154 dB mit Vordämpfung gibt es nach oben wie nach unten keine Überraschungen.
Das U 87 ist das Gegenteil dieser Philosophie — und deshalb steht es daneben. Es hat einen Ausgangsübertrager, drei Richtcharakteristiken und eine Kapsel, die eine Meinung hat: eine sanfte Präsenzanhebung, eine schmeichelnde Mitte, ein Hochtonbereich, der eher rundet als schärft.
Verkürzt gesagt: Das TLM 170 ist eine Messung, das U 87 eine Meinung.
Welches besser ist, hängt allein von der Stimme ab. Eine junge, schlanke Stimme gewinnt am U 87 Körper und Autorität. Eine ohnehin präsente Stimme mit Neigung zum Zischeln kippt daran ins Scharfe — und genau dort spielt das TLM 170 seine Stärke aus, weil es nichts hinzufügt, was man später mühsam wieder herausarbeiten müsste.
Deshalb ist die Mikrofonwahl bei uns kein Ritual, sondern der erste Test der Session.
Hinter den Mikrofonen liegen zwei Vorverstärker, die beide Nachbauten historischer Schaltungen sind — gebaut von 51X Audio, im 500er-Format.
Der eine folgt dem Neumann PMV70. Das war Anfang der Siebziger Neumanns erste eigene Mikrofonvorverstärker-Kassette, mit diskreten Class-A-Verstärkerstufen und gekapselten Ein- und Ausgangsübertragern. Diese Module saßen in Rundfunkpulten und mussten den strengen deutschen Sendestandards genügen. Ihr Ruf: warm, rund, eine Spur dunkler als der berühmtere Nachfolger V 476.
Der andere folgt dem Telefunken V672, dem Verstärkermodul der deutschen Rundfunkanstalten, gebaut mit originalen NOS-Übertragern. Offener und schneller als der Neumann, mit der Klarheit, für die Sendetechnik ausgelegt war.
Wer beides nebeneinander hört, versteht plötzlich, warum deutsche Dokumentationen und Hörspiele einer bestimmten Ära so klingen, wie sie klingen. Es war nicht der Zeitgeist. Es waren diese Schaltungen — und sie laufen bei uns täglich.
Beide liegen bei uns auf dem Patchfeld, zusammen mit den Mikrofonen. Es gibt also keine feste Kette, sondern eine Entscheidung — nach Genre, nach Sprecherin oder Sprecher, nach gewünschtem Klangbild. Das dauert am Anfang einer Session ein paar Minuten und spart in der Postproduktion Stunden.
Das dritte Mikrofon im Haus ist ein Neumann TLM 103. Es steht nicht im täglichen Einsatz — und der Grund dafür ist der vielleicht interessanteste Teil dieses Artikels.
Technisch ist es ein naher Verwandter des U 87: Seine Kapsel basiert auf dem klassischen K67/87-Design, bekam aber ein moderneres Voicing mit einer breitbandigen Präsenzanhebung oberhalb 5 kHz. Es klingt dadurch direkter und „fertiger" als das Original, dem es nachempfunden ist. Mit 7 dB-A gehört es außerdem zu den rauschärmsten Mikrofonen überhaupt.
Wir haben es aber nicht, weil es gut ist. Wir haben es, weil die Welt es benutzt.
Das TLM 103 ist eines der verbreitetsten Mikrofone in professionellen Heimkabinen. Wenn wir eine Produktion ergänzen, die anderswo entstanden ist — Nachaufnahmen, ein zusätzlicher Satz, eine Korrektur zwei Wochen später —, dann darf man den Wechsel nicht hören. Also greifen wir zu dem Mikrofon, das dem Klangbild der Originalaufnahme am nächsten kommt.
Das ist die unspektakulärste und zugleich professionellste Aufgabe, die ein Mikrofon haben kann: nicht auffallen.
Übrigens schließt unsere Kette dabei eine Lücke des Mikrofons. Dem TLM 103 fehlen Vordämpfung und Trittschallfilter — unser Vorverstärker bringt ein schaltbares Hochpassfilter bei 80 und 140 Hz mit. Eine Kette wird geplant, nicht zusammengekauft.
Wir betreiben drei Studios, und die relevante Konsequenz daraus ist nicht die Kapazität, sondern die Wiederholbarkeit. Eine Sprachaufnahme ist selten mit der Session zu Ende. Es kommen Korrekturen, Varianten, Fassungen für andere Märkte. Diese Nachaufnahmen müssen sich unhörbar in das einfügen, was vorher entstanden ist — gleiches Mikrofon, gleiche Position, gleiche Kette, dokumentiert.
Deshalb steht in einem Produktionsstudio ein vorhersagbares Mikrofon und nicht das mit dem meisten Charakter. Charakter kann man hinzufügen. Unberechenbarkeit nicht.
Für Sprecherinnen und Sprecher, die zu Hause aufnehmen, fassen wir es so zusammen: Der Sprung von einem guten zu einem sehr guten Mikrofon ist kleiner als der Sprung von einem mittelmäßigen zu einem gut behandelten Raum. Wer Geld übrig hat, investiert es zuerst in Akustik, Abstand und Aufnahmedisziplin.
Und wenn es dann doch ein neues Mikrofon sein soll: Kauf nicht das beste, sondern das, das zu Deiner Stimme passt. Das sind erstaunlich selten dieselben.
Genau darüber sprechen wir in unseren Workshops und bei Demoaufnahmen — und wir hören es jede Woche an den Aufnahmen, die uns aus Heimkabinen erreichen.
Das, an dem Deine Stimme am besten klingt. Welches das ist, wissen wir nach zwei Minuten Einsprechen — und dafür liegen bei uns alle Wege auf dem Patchfeld offen.
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